Edelstahl oder Kunststoff? Was bei Trinkflaschen für Kinder wirklich entscheidend ist
Bevor ich angefangen habe, mich mit Trinkflaschen für meine Kinder zu beschäftigen, dachte ich: Wie kompliziert kann das schon sein? Eine Flasche ist eine Flasche. Wasser rein, Kind trinkt, fertig. Zunächst hatte meine Kleine also eine niedliche Plastikflasche aus den Drogeriemarkt, doch obwohl sie sich die Flasche selbst ausgesucht hatte, konnte sie diese schon bald nicht mehr leiden.
Nachdem ich das Wasser aus dieser Flasche probiert hatte, war mir auch sofort klar, was das Problem war: Es schmeckte einfach nicht gut. Also kauften wir uns eine Edelstahl-Trinkflasche, mit der wir seitdem sehr glücklich sind (und unsere Tochter auch!). Jetzt brachte mich aber eine Freundin auf die Frage, ob wirklich alle Edelstahl-Flaschen gleich gut sind.
Aus diesem Grund schreibe ich nun einen kurzen Beitrag zum Thema Edelstahl-Trinkflaschen für Kinder. Sind sie wirklich besser als Kunststoffflaschen? Sind alle Edelstahlflaschen gleich? Und worauf sollte man beim Kauf achten?
Warum viele Eltern von Kunststoffflaschen weg möchten
Kunststoffflaschen sind leicht, bunt, günstig und überall erhältlich. Trotzdem haben viele Eltern inzwischen ein ungutes Gefühl dabei.
Gründe dafür sind zum Beispiel:
- Diskussionen rund um BPA, BPS und andere Weichmacher
- Mikroplastik, das sich durch Abrieb lösen kann
- Geruchs- und Geschmacksaufnahme (das war bei uns ein ganz großes Problem)
- Alterung des Materials durch Spülmaschine, Sonne und Nutzung
- Kratzer im Inneren, in denen sich Keime festsetzen können
Genau um diesen Punkten entgegen zu treten, kommen Edelstahlflaschen ins Spiel.
Vorteile von Edelstahl-Trinkflaschen für Kinder
Edelstahl hat ein paar Eigenschaften, die für Trinkflaschen nahezu ideal sind:
1. Geschmacksneutral und geruchsneutral
Edelstahl nimmt weder Gerüche noch Geschmäcker an. Auch nach Wochen mit Saft, Tee oder Milch schmeckt Wasser wieder wie Wasser.
2. Keine Weichmacher, kein Mikroplastik
Edelstahl ist ein Metall, kein Kunststoff. Es gibt keine Weichmacher, keine Polymerbestandteile und keinen Abrieb wie bei Plastik.
3. Sehr hygienisch
Die glatte Oberfläche bietet Bakterien kaum Halt. Kratzer entstehen deutlich seltener als bei Kunststoff.
4. Extrem langlebig
Eine gute Edelstahlflasche hält oft viele Jahre – auch bei täglicher Nutzung und Stürzen.
5. Spülmaschinenfest und hitzebeständig
Keine Materialermüdung durch Hitze oder UV-Licht.

Sind alle Edelstahlflaschen gleich? Nein!
Auf den ersten Blick klingt „Edelstahl“ nach einem einheitlichen, hochwertigen Material. Tatsächlich ist Edelstahl aber keine feste Materialart, sondern eine ganze Gruppe verschiedener Stahllegierungen mit sehr unterschiedlichen Eigenschaften. Entscheidend ist nicht, dass es Edelstahl ist – sondern welche Legierung verwendet wurde.
Was bedeutet überhaupt „Edelstahl“?
„Edelstahl“ ist kein geschützter Begriff für eine bestimmte Zusammensetzung. Er beschreibt lediglich Stähle mit einem besonders niedrigen Schwefel- und Phosphorgehalt. Das sagt jedoch nichts darüber aus, wie korrosionsbeständig oder lebensmittelecht der Stahl ist. Für Trinkflaschen ist eine ganz bestimmte Untergruppe relevant: die sogenannten austenitischen Chrom-Nickel-Stähle. (Austenitisch verweist übrigens auf die Art der Kristallstruktur des Metalls).
Dazu gehören:
- AISI 304 → bekannt als 18/8 Edelstahl
- AISI 316 → mit zusätzlichem Molybdän, noch korrosionsbeständiger
Diese Stähle werden auch in der Lebensmittelindustrie, Medizintechnik, Großküchentechnik und Pharmaindustrie eingesetzt, weil sie sich gegenüber Säuren, Feuchtigkeit und Temperatur extrem stabil verhalten.
Warum genau diese Legierung für Trinkflaschen ideal ist
Edelstahl wird „rostfrei“ durch den Chromanteil. Chrom reagiert mit Sauerstoff und bildet eine passive Schutzschicht (Chromoxid) auf der Oberfläche. Diese Schicht ist unsichtbar, extrem stabil und selbstheilend bei kleinen Kratzern. Nickel sorgt zusätzlich für hohe Korrosionsbeständigkeit, Stabilität der Kristallstruktur und eine geringe Reaktivität mit Lebensmitteln
Das Ergebnis: Der Stahl gibt praktisch keine Ionen an das Getränk ab – selbst bei Kontakt mit Fruchtsäuren, Tee, Milch oder Kohlensäure.
Ist der Nickel kein Problem für Menschen mit Nickel-Allergie?
Nein, tatsächlich nicht! 🙂 Nickel-Allergien sind Kontaktallergien der Haut, die entstehen, wenn Nickelionen aus einem Material herausgelöst werden und dann längeren Kontankt mit der Haut haben. Beim 18/8-Edelstahl passiert dies nicht, da der Nickel fest in der Kristallstruktur des Stahls gebunden ist und die Chromoxid-Passivschicht das Herauslösen von Metallionen verhindert. Selbst bei Kontakt mit Getränken wird praktisch kein Nickel freigesetzt (das ist vielfach getestet, weil Edelstahl in der Lebensmittelindustrie Standard ist). Deshalb werden aus genau diesem Grund OP-Instrumente, Implantate und Großküchengeräte aus 304/316 Edelstahl gefertigt. Wenn dort nennenswert Nickel freigesetzt würde, wäre das seit Jahrzehnten ein riesiges Problem.
Sehr minderwertiger Edelstahl könnte hier theoretisch eine Ausnahme bilden, aber der hochwertige Edelstahl, über den wir hier sprechen, ist komplett unproblematisch für Nickel-Allergiker.
Und was ist mit Chrom? Chrom ist doch giftig?
Ja, aber nur in einer ganz bestimmten Form. Chrom(VI) (das steht für eine bestimmte Oxidationsstufe des Chroms) ist giftig und krebserregend. Chrom(III) hingegen ist überhaupt nicht problematisch, sondern sogar ein wertvolles Spurenelement, das wir über die Nahrung aufnehmen müssen! Im Edelstahl liegt Chrom ausschließlich als metallisches Chrom vor, welches an der Oberfläche zu Chrom(III)-Oxid Cr2O3 reagiert. Diese Schicht ist stabil, unlöslich und ungiftig – und der Grund, warum Edelstahl rostfrei ist.

Was passiert nun bei minderwertigeren Edelstahllegierungen?
Günstigere Edelstähle enthalten zu wenig Chrom, kein oder kaum Nickel, dafür aber teilweise andere Beimengungen. Das führt zu drei Problemen, die für Trinkflaschen relevant sind:
1. Geringere Korrosionsbeständigkeit
Bei Kontakt mit Fruchtsäuren (Apfelsaft, Orangensaft), Kohlensäure, Spülmaschinenhitze oder Feuchtigkeit über Stunden kann die Schutzschicht instabil werden. Es entstehen mikroskopisch kleine Korrosionsstellen.
2. Metallionen können ins Getränk übergehen
Wenn die Passivschicht gestört ist, können Spuren von Eisen, Mangan oder anderen Legierungsbestandteilen ins Getränk übergehen. Das ist gesundheitlich meist nicht akut gefährlich, aber für Lebensmittelkontakt technisch unerwünscht und ein Zeichen minderer Materialqualität.
3. Lochfraßkorrosion (Pitting)
Das ist besonders typisch für minderwertige Edelstähle: winzige punktförmige Korrosionslöcher, die man mit bloßem Auge kaum sieht. Dort können sich Keime festsetzen – hygienisch ungünstig.
Sind in Deutschland nicht sowieso nur „gute“ Edelstähle erlaubt?
Ja, es gibt dazu eine EU-Verordnung, die vorschreibt, dass Materialien keine Stoffe in Mengen an Lebensmittel abgeben dürfen, die gesundheitsschädlich sind. Allerdings wird hier keine konkrete Edelstahllegierung vorgeschrieben. Das heißt, dass theoretisch auch „schlechtere“ Edelstähle formal zulässig sein könnten. Allerdings müssen auch diese gewisse Grenzwerte einhalten. Anders sieht es aber bei Online- und Importware aus. Da kann es schon mal passieren, dass mit „stainless steel“ ohne genauere Angabe geworben wird – und das kann dann halt alles Mögliche sein.
Wer guten Stahl nutzt, gibt das meist auch an. Also einfach danach Ausschau halten. Die Bezeichungen könnten z.B. lauten:
- 18/8 Edelstahl oder 18/8 Stainless Steel
- 18/10 Edelstahl oder 18/10 Stainless Steel
- AISI 304 oder 304 Edelstahl
- AISI 316 oder 316 Edelstahl
Was das bedeutet? Ganz einfach, die erste Zahl steht hier für 18% Chrom, die zweite für 8% bzw. 10% Nickel.

Was Eltern beim Kauf einer Edelstahlflasche beachten sollten
1. Art der Legierung (siehe oben 🙂 )
2. Deckel ist ebenfalls ein kritischer Punkt
Der Flaschenkörper ist selten das Problem – der Deckel kann natürlich eines darstellen. Allerdings kommt (je nach Lagerung) die Flüssigkeit vielleicht nicht so viel mit dem Deckel in Berührung, wie mit der eigentlichen Flasche. Dennoch, am besten man achtet darauf, dass möglichst wenig Kunststoff im Trinkbereich ist, Dichtungen aus Silikon (lebensmittelecht) sind und keine komplizierten Trinkmechanismen mit vielen Hohlräumen vorhanden sind -> je einfacher der Deckel, desto hygienischer.
3. Keine Lackierung oder Beschichtung innen
Die Flasche sollte innen reiner Edelstahl sein, keine Lacke oder Beschichtungen.
Gibt es auch Nachteile von Edelstahlflaschen?
Ja, vor allem so offensichtliche Punkte, auf die ihr selbst gekommen wärt, wie, dass sie schwerer sind als eine Kuststoffflasche, dass sie Dellen bekommen können, wenn sie runterfallen, und dass man sie natürlich nicht in die Mikrowelle geben kann (aber wer möchte das bei einer Wasserflasche schon?). Sonst fallen mir spontan keine ein.
Mein persönliches Fazit
Ich hätte nie gedacht, dass ich mich mal intensiver mit dem Thema Trinkflaschen beschäftige, aber es stimmt halt: Kinder trinken jeden Tag mehrfach daraus – über Jahre hinweg. Somit sind diese Flaschen kein „Öko-Trend“, sondern aus materialtechnischer Sicht einfach eine sehr sinnvolle Wahl für Lebensmittelkontakt.
Wichtig ist nur: Nicht irgendeine Edelstahlflasche kaufen, sondern bewusst auf die richtige Legierung (siehe oben, 18/8 oder 18/10) und einen einfachen, hygienischen Deckel achten.
Außerdem wichtig
Ein hochwertiger Edelstahl ist immer die beste Wahl. Allerdings ist ein hochwertiger Kunststoff dann doch besser, als eine minderwertige Stahlvariante. Kunststoffe werden öffentlich gerne verteufelt, und das passiert manchmal völlig zu Unrecht. Ich möchte euch also dringend auf den Weg geben: Keine Panik, wenn ihr bis dato Plastikflaschen genutzt habt. Es ist echt nicht so, dass die eurem Kind massiven Schaden zufügen. Die schlimmsten Weichmacher sind hierzulande inzwischen längst verboten. Allerdings ist zum Beispiel das Thema Mikroplastik einfach noch nicht gut genug erforscht und es ist schlichtweg schwer zu sagen, ob es langfristig Probleme auslösen kann. Wir wissen, das es im Körper ankommt, aber man weiß noch nicht genau, was es dort tut – zu Recht ist man hier vorsichtig. Außerdem ist Alterung selbst beim besten Kunststoff der Welt ein Thema – aber dazu muss ich mal einen eigenen Artikel schreiben, das sprengt hier sonst leider den Rahmen.
Ausgewählte Quellen
- Chemie.de Lexikon – Edelstahl
- A. V. Hariharan, M. M. Sankar: Daily Use Water Bottles as a Hub for Microbial Population: A Comparative Study of PET vs. Stainless Steel Water Bottles and Outcome of Washing Strategy Intervention. J. Pharm. Bioallied Sci. 2024, 16, S1242-1245. DOI: 10.4103/jpbs.jpbs_559_23
- J. E. Cooper, E. K. Kendig, S. M. Belcher: Assessment of Bisphenol A Released from Reusable Plastic, Aluminium and Stainless Steel Water Bottles. Chemosphere, 2011, 85, 943–947. doi: 10.1016/j.chemosphere.2011.06.060
- Verbraucherzentrale NRW: Trinkflaschen: Worauf soll ich beim Kauf achten?
- P. Schmid, F. Welle: Chemical Migration from Beverage Packaging Materials – A Review. Beverages 2020, 6, 37ff. https://doi.org/10.3390/beverages6020037
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