Eine Sonnencreme aus den 80er Jahren, gehalten von einer Frau aus den 80er Jahren
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Alte Sonnencreme: Wann sie noch schützt – und wann nicht mehr

Jedes Frühjahr stellen sich Eltern (und auch Menschen ohne Kinder, war bei mir jedenfalls früher so) die selbe Frage: Da steht noch eine fast volle Sonnencreme vom letzten Sommer im Schrank. Wegwerfen wäre schade, aber schützt sie noch zuverlässig – vor allem bei Babys?

Die kurze Antwort lautet: Manchmal ja, manchmal nein. Die Gründe dafür erläutere ich weiter unten. Um jetzt schnell herauszufinden, ob ihr eure aktuelle Creme noch nutzen könnt, schaut auf die Inhaltsstoffe.

  • Ist Octocrylen enthalten? Dann sollte diese Creme nicht länger als eine Saison benutzt werden, denn dieser UV-Filter zersetzt sich mit der Zeit, wobei Benzophenon entsteht. Benzophenon kann allergische Reaktionen auslösen und gilt als vermutlich krebserzeugend.
  • Ist die Creme frei von Octocrylen, aber enthält andere organische (chemische) Filter? Dann kann man sie noch nutzen ohne mit schädlichen Stoffen rechnen zu müssen, allerdings wird die Wirkung vermutlich nachgelassen haben (Begründung siehe unten)
  • Sind nur mineralische Filter enthalten? Auch hier kann bezüglich schädlicher Abbauproukte Entwarnung gegeben werden, aber die WIrkung wird vermutlich nachgelassen haben.

Falls du ihn noch nicht gelesen hast, empfehle ich übrigens meinen Grundlagenartikel: „Sonnenschutz für Babys – warum es keine perfekte Sonnencreme geben muss“. Dort werden die Unterschiede zwischen chemischen und mineralischen Filtern nochmal besser erklärt.

Und eines ist mir noch ganz wichtig: Wenn du nun eine Sonnencreme oder sonstige Creme mit Octocrylen gefunden hast und diese vielleicht sogar benutzt hast, obwohl sie schon fünf Jahre im Schrank lag: Bitte keine Panik bezüglich eines möglichen Krebsrisikos. Die Mengen an Benzophenon, die man dadurch abbekommen haben könnte, ist sehr gering.

Im Folgenden schauen wir uns an, was mit dem „technischen Produkt Sonnencreme“ passiert, wenn es ein Jahr herumsteht.


Sonnencreme ist chemisch kein stabiles Produkt

Sonnencreme besteht aus drei empfindlichen Komponenten:

  • UV-Filtern
  • Ölen und Emulsion
  • Stabilisatoren und Emulgatoren

Alle drei reagieren auf Licht, Sauerstoff und Wärme. Und genau diese Einflüsse bekommt eine Sonnencreme im Sommer reichlich ab: Strandtasche, Kinderwagen, Auto, Badetasche, Fensterbank. Selbst wenn die Tube danach wieder im Schrank steht, hat die Alterung bereits begonnen.


Was mit organischen (chemischen) UV-Filtern beim Altern passiert

UV-Filter sind keine statischen Stoffe. Mehrheitlich funktionieren sie, indem sie UV-Strahlung aufnehmen und in Wärme umwandeln. Dabei verändern sie kurzfristig ihre chemische Struktur – und sollten danach wieder in den Ausgangszustand zurückkehren. Funktioniert dies reibungslos, kann man den UV-Filter als „photostabil“ bezeichnen. Nun sind aber nicht alle UV-Filter gleich photostabil. Manche zerfallen schrittweise, andere reagieren mit Sauerstoff. Ein Beispiel hierfür ist das eigentlich sehr stabile Ethylhexyl Salixylat (Octisalat), welches langsam durch Oxidation (=Reaktion mit Sauerstoff) zerfällt, aber dabei keine besonderen problematischen Nebenprodukte bildet. Wieder andere (das oben schon genannte Octocrylen) werden durch Hitze instabil.

Das bedeutet: Der Lichtschutzfaktor auf der Packung gilt nur für frische, stabile Filter in korrekter Konzentration. Wenn ein Teil der Filter zerfallen ist, merkst du das nicht an Geruch, Farbe oder Konsistenz – der Schutz kann aber deutlich reduziert sein. Dies ist leider auch einer der häufigsten Gründe, warum Kinder trotz „LSF 50“ Sonnenbrand bekommen.

Es gibt noch die sehr modernen Filter Tinosorb S (Bemotrizinol) und Trinosorb M (Bisoctrizol). Sie sind sehr UV-stabil, oxidieren sehr langsam und bleiben lange wirksam. Hier hat man gute Chancen, dass auch die gealterte Sonnencreme noch recht gut wirkt.


Oxidation: Der „unsichtbare Feind in der Tube“

Sobald eine Sonnencreme geöffnet ist, kommt Sauerstoff hinein. Öle und einige UV-Filter beginnen langsam zu oxidieren.

Oxidierte Bestandteile verändern die Wirksamkeit, können hautreizender werden und destabilisieren möglicherweise die gesamte Emulsion. Dieser Prozess läuft (vor allem bei bereits geöffneter Creme) langsam, aber kontinuierlich – auch im Schrank. Je leerer die bereits ist Tube, desto mehr Sauerstoff ist darin enthalten und desto schneller schreitet die Oxidation voran.


Warum Hitze im Sommer das Problem massiv beschleunigt

So gerne wir das tun würden: Sonnencreme wird selten kühl und schonend gelagert – im Gegenteil. Das Problem dabei ist, dass hohe Temperaturen chemische Reaktionen exponentiell beschleunigen. Was bei 20 °C ein Jahr dauert, kann bei 60 °C im Auto in wenigen Tagen passieren. Und natürlich kann man von niemandem erwarten, dass er genau beobachtet, wann eine Tube höheren Temperaturen ausgesetzt war.


Mineralische Sonnencreme ist nicht automatisch haltbarer

Viele entscheiden sich ja insbesondere beim Baby für eine rein auf mineralischen Filtern basierende Sonnencreme. Zinkoxid und Titandioxid erwecken vielleicht den Eindruck, dass sie stabiler sind, als die organischen Filter – und das stimmt auch, die Partikel selbst sind stabil.

Das gilt aber nicht unbedingt für das System, in das sie eingebettet sind. Wenn Emulgatoren, Öle oder Filmbildner altern, verteilen sich die Partikel schlechter auf der Haut und der Schutz wird ungleichmäßig. Die Creme „funktioniert“ dann physikalisch schlechter, obwohl die Inhaltsstoffe noch da sind. Der Effekt ist real, aber man muss jetzt auch keine Panik davor haben, bloß wenn die Tube wirklich schon eine intensive Saiso auf dem Buckel hat oder bereits zwei Jahre alt ist, kann man wirklich nicht mehr von optimalem Schutz ausgehen.


Das Haltbarkeitssymbol (12M) kann hier also in die Irre führen

Ihr kennt sicher das Halbtbarkeitssymbol auf Kosmetikprodukten, bei Sonnencreme oft „12M“ -> 12 Monate haltbar unter idealen Bedingungen nach Anbruch. Wie oben schon erwähnt, wären die idealen Bedingungen eine kühle, dunkle Umgebung und eine ungeöffnete Tube (wegen des Sauerstoffs). Das entspricht natürlich eher nicht dem echten Leben einer Baby-Sonnencreme.


Woran man alte Sonnencreme manchmal erkennt – und warum das trügerisch ist

Manchmal erkennt man schon beim Entnehmen der Creme aus der Tube Phasentrennung (d.h. es läuft zum Beispiel ein dünnflüssiges Öl neben einer dickeren, weißen Paste aus der Tube). Auch ein veränderter Geruch kann auftreten (wenn die Creme seltsam riecht oder stinkt, sollte sie definitiv weg!) oder allgemein eine dickere oder dünnere Konsistenz. All diese Fälle sind Warnsignale und heißen, dass die Creme nicht mehr gut ist.

Gefährlicher ist der Fall, in dem alles normal aussieht, denn der Wirkverlust der UV-Filter ist nicht sichtbar.


Besonders kritisch bei Babys

Babys haben eine dünnere Haut, weniger Eigenschutz (kaum Melanin) und eine empfindlichere Hautbarriere. Hier sollte man sich nicht auf eine möglicherweise geschwächte Formulierung verlassen.


Fazit: Lohnt es sich, die alte Sonnencreme zu behalten?

Für Erwachsene an einem Frühlingstag vielleicht, für Babys im Hochsommer eher nicht.

Wenn eine Sonnencreme:

  • bereits einen Sommer mitgemacht hat
  • geöffnet war
  • Hitze ausgesetzt war
  • angebrochen ist

ist es aus chemischer Sicht sehr wahrscheinlich, dass der Schutz nicht mehr dem entspricht, was auf der Verpackung steht.


Wenn du noch mehr über Sonnencreme lesen möchtest und dich die Unterschiede zwischen „chemischen“ (organischen) und mineralischen FIltern interessieren, lies hier weiter: „Sonnenschutz für Babys – warum es keine perfekte Sonnencreme geben muss“.

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